Militärexperte Markus Reisner sieht die kommenden Monate als entscheidende Phase im Ukraine-Krieg. Besonders die Energieversorgung und kritische Infrastruktur könnten nach seiner Einschätzung zum Hauptziel russischer Angriffe werden. Doch seine Warnung reicht über die Ukraine hinaus: Auch Europa müsse sich auf hybride Angriffe und mögliche Sabotage einstellen.
Der Krieg in der Ukraine könnte in den kommenden Monaten in eine besonders schwierige Phase eintreten. Während sich an der Front derzeit vergleichsweise wenig bewegt, richtet sich der Blick zunehmend auf den bevorstehenden Winter. Der österreichische Militärexperte und Oberst Markus Reisner warnt davor, die Bedeutung dieser Jahreszeit zu unterschätzen.
Nach seiner Einschätzung könnte Russland versuchen, die Ukraine während des Winters durch massive Angriffe auf Energieversorgung und kritische Infrastruktur weiter unter Druck zu setzen. Ziel könnte es sein, die Widerstandsfähigkeit des Landes zu schwächen und die Bevölkerung sowie die ukrainische Wirtschaft vor enorme Herausforderungen zu stellen.
Energieversorgung als entscheidende Schwachstelle
Besonders kritisch ist nach Reisners Einschätzung die Situation bei der ukrainischen Energieinfrastruktur. Laut dem von „Heute“ zitierten Militärexperten sind große Teile der kritischen Infrastruktur bereits beschädigt oder zerstört. Gerade die Energieversorgung sei deshalb eine besonders verwundbare Stelle.
Reisner geht davon aus, dass der Kreml diese Schwachstelle im Winter gezielt ausnutzen könnte. Die russische Strategie könnte darauf abzielen, die Ukraine mit wiederholten Angriffen auf Stromversorgung und andere lebenswichtige Einrichtungen wirtschaftlich und gesellschaftlich unter Druck zu setzen.
Dabei geht es nicht nur um militärische Ziele. Angriffe auf Kraftwerke, Stromnetze und andere kritische Einrichtungen können direkte Auswirkungen auf Millionen Menschen haben. Besonders während der kalten Wintermonate könnten längere Ausfälle erhebliche Folgen für Haushalte, Krankenhäuser, Unternehmen und die öffentliche Infrastruktur haben.
Luftabwehr wird zum entscheidenden Faktor
Eine zentrale Rolle spielt dabei die ukrainische Luftverteidigung. Reisner bezeichnet moderne Luftabwehrsysteme wie Patriot als besonders wichtig, um russische Raketenangriffe abzuwehren.
Wie schwierig die Situation sein kann, zeigte laut dem Bericht ein Angriff mit rund 60 Raketen. Die Ukraine habe davon ungefähr die Hälfte abfangen können. Für Reisner verdeutlicht dies die große Herausforderung, vor der das Land steht: Selbst eine leistungsfähige Luftverteidigung kann bei einer großen Zahl gleichzeitig eingesetzter Flugkörper an ihre Grenzen kommen.
Damit könnte die Verfügbarkeit von Abwehrraketen in den kommenden Monaten zu einem der wichtigsten Faktoren werden. Je größer der russische Angriffsdruck, desto mehr Munition und moderne Abwehrsysteme benötigt die Ukraine.
Russland könnte Drohnenkrieg weiter ausbauen
Neben Raketen spielen Drohnen eine immer größere Rolle im modernen Krieg. Reisner erwartet, dass Russland seine Fähigkeiten in diesem Bereich weiter ausbauen könnte.
Neue Drohnenbasen könnten es ermöglichen, die Zahl der Angriffe deutlich zu erhöhen. Moderne unbemannte Systeme seien zudem schnell und schwer zu bekämpfen. Laut Reisners Einschätzung könnten die bisherigen Angriffe daher nur ein Vorgeschmack auf eine noch intensivere Luftkriegsführung in den kommenden Monaten sein.
Für die Ukraine entsteht dadurch ein schwieriges Problem: Die Verteidigung muss gleichzeitig gegen unterschiedliche Bedrohungen – darunter Marschflugkörper, Raketen und Drohnen – vorbereitet sein.
Keine erkennbare Bewegung bei den Verhandlungen
Auch auf diplomatischer Ebene sieht Reisner derzeit wenig Grund für Optimismus. Die bisherigen Vermittlungsversuche der USA hätten aus seiner Sicht keine erkennbare Veränderung der russischen Haltung bewirkt.
Der Militärexperte spricht von fehlendem Entgegenkommen Moskaus. Gleichzeitig bleibt die Frontlage weitgehend festgefahren. Damit könnte der Konflikt nach seiner Einschätzung weiterhin stark von militärischen Entwicklungen geprägt werden.
Für die Ukraine bedeutet dies eine schwierige Ausgangslage: Einerseits besteht der Bedarf nach diplomatischen Lösungen, andererseits muss das Land gleichzeitig seine militärische Verteidigungsfähigkeit aufrechterhalten.
Reisners Warnung richtet sich auch an Europa
Besonders aufmerksam dürfte jedoch eine andere Aussage Reisners machen. Seine Einschätzung beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Ukraine.
Der Militärexperte warnt, dass auch europäische Staaten mit weiteren hybriden Angriffen und Sabotage rechnen müssten. Dabei geht es nicht zwangsläufig um einen klassischen militärischen Angriff auf europäische Städte.
Unter „hybriden Angriffen“ werden unter anderem Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation und andere Maßnahmen verstanden, mit denen ein Gegner ein Land unter Druck setzen kann, ohne einen offenen Krieg zu beginnen.
Reisner hält laut „Heute“ sogar begrenzte russische Angriffe auf die östliche Flanke der EU für „durchaus vorstellbar“. Das ist eine Einschätzung des Militärexperten und keine Aussage, dass ein solcher Angriff unmittelbar bevorsteht.
Warum der Winter entscheidend werden könnte
Der kommende Winter könnte somit zu einer Belastungsprobe für die Ukraine werden. Russland könnte versuchen, militärischen Druck mit Angriffen auf Infrastruktur zu verbinden. Gleichzeitig muss die Ukraine ihre Truppen an der Front versorgen und ihre Städte sowie Energieanlagen schützen.
Besonders problematisch wäre eine Kombination aus intensiven Drohnen- und Raketenangriffen und einer gleichzeitig geschwächten Luftverteidigung.
Für Europa stellt sich deshalb eine weitere Frage: Wie gut sind die einzelnen Staaten auf mögliche hybride Bedrohungen vorbereitet?
Die Warnung Reisners zeigt, dass der Ukraine-Krieg längst nicht mehr ausschließlich als Konflikt an einer einzelnen Front betrachtet wird. Die Auswirkungen reichen weit über das unmittelbare Kriegsgebiet hinaus und betreffen auch Fragen der europäischen Sicherheit, Energieversorgung und Infrastruktur.
Europas Sicherheitslage bleibt angespannt
Markus Reisner ist österreichischer Offizier, Militärhistoriker und Militärexperte. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine analysiert er regelmäßig die militärische Entwicklung und die Strategien beider Seiten. Das österreichische Verteidigungsministerium führt ihn als Oberst und veröffentlicht auch seine wissenschaftlichen Arbeiten.
Seine aktuelle Einschätzung macht deutlich, dass der weitere Verlauf des Krieges nicht allein von den Kämpfen an der Front abhängen könnte. Energie, Luftverteidigung, Drohnen, kritische Infrastruktur und hybride Angriffe könnten ebenso entscheidend werden.
Für die Ukraine steht damit ein schwieriger Winter bevor. Gleichzeitig muss Europa seine eigene Widerstandsfähigkeit gegen mögliche Cyberangriffe, Sabotage und andere Formen hybrider Einflussnahme stärken.
Fest steht: Reisners Warnung ist keine Vorhersage eines unmittelbar bevorstehenden Krieges in Europa. Sie beschreibt vielmehr ein mögliches Eskalationsszenario, auf das sich europäische Staaten nach seiner Einschätzung vorbereiten sollten.
