January 15, 2026

Die Wahl, die alles verändern könnte

 

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September hat das Potenzial, die politische Statik der Bundesrepublik zu erschüttern. Was sich bislang wie ein regionales Kräftemessen anfühlt, könnte sich binnen weniger Wochen zu einer nationalen Zäsur auswachsen. Denn erstmals steht die AfD realistisch davor, in einem deutschen Bundesland die absolute Mehrheit zu erringen – und den Ministerpräsidenten zu stellen.

Im Magdeburger Landtag spricht an diesem Tag ein Mann, der genau dafür steht. Siegmund, groß, schlank, telegen. Der graumelierte Scheitel ist nach hinten gegelt, der Dreitagebart akkurat konturiert. Zum eng geschnittenen dunkelblauen Anzug trägt er weißes Hemd und Einstecktuch. Wenn er ans Rednerpult tritt, liegt fast immer ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht – selbst dann, wenn er zum Angriff ansetzt.

Seine Fraktion fordert den Landtag auf, die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen. ARD und ZDF, so der Tenor, müssten schrumpfen und endlich neutral berichten – „ohne Indoktrination, ohne den ganzen Blödsinn“. Als Beispiel nennt Siegmund eine Sendung mit dem Titel „Radikale Christen in Deutschland: Kreuzzug von rechts“. Die Sorge kenne doch jeder, sagt er. Man sitze in der Bahn und denke: „Hoffentlich setzt sich kein radikaler Christ in meinen Waggon.“

Gelächter bei der AfD, auch ein CDU-Abgeordneter kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Antrag hat, wenig überraschend, keine Chance. Ein Christdemokrat lobt den Mitteldeutschen Rundfunk als „verlässliche Sache“, woraufhin aus den Reihen der AfD ein Zwischenruf kommt: „Ja, für euch!“ Am Ende stehen 16 Ja-Stimmen gegen 66 Nein-Stimmen. Eine klare Niederlage.

Doch nur auf den ersten Blick.

Denn der Landtag ist nicht Siegmunds wichtigste Bühne. Kurz nach der Debatte veröffentlicht er einen Ausschnitt seiner Rede auf seinen Social-Media-Kanälen. Die Überschrift: „So wollen sie uns manipulieren“. Auf TikTok folgen ihm mehr als 600.000 Nutzer, auf Instagram und Facebook jeweils knapp 300.000. Das Video verbreitet sich rasant, wird kommentiert, geteilt, gelikt. Herzen regnen. „Ich wünsche mir eine absolute Mehrheit für die AfD“, schreibt ein Anhänger.

Ein Wunsch, der bald Realität werden könnte.

Siegmund, einst CDU-Mitglied, gilt heute als größtes Zugpferd seiner Partei. In Umfragen kam die AfD in Sachsen-Anhalt im Herbst erstmals auf 39 Prozent, einmal sogar auf 40. Unter günstigen Bedingungen – zwei, drei Prozentpunkte mehr, mehrere Parteien unter der Fünf-Prozent-Hürde – könnte es reichen. FDP und Grüne stehen laut Erhebungen besonders schlecht da, aber auch SPD und BSW müssen bangen. Stimmen, die an der Hürde scheitern, fallen unter den Tisch. Am Ende könnte Siegmund mit einer absoluten Mehrheit im Magdeburger Landtag stehen – und die Staatskanzlei im Palais am Fürstenwall übernehmen.

Kenner der Partei, politische Konkurrenten, Vertreter des rechten „Vorfelds“ und Unternehmer sind sich in einem Punkt erstaunlich einig: Siegmund verfügt über etwas, das der AfD lange gefehlt hat. Immer wieder fällt dasselbe Wort – Charme. Er wirkt kontrolliert, moderat im Ton, souverän im Auftritt. Einer, der nicht poltert, sondern lächelt. Einer, der Anschlussfähigkeit signalisiert, ohne die eigenen Anhänger zu verschrecken.

Ein Ministerpräsident Siegmund würde jedoch weit über Sachsen-Anhalt hinaus wirken. Nicht nur ein Bundesland mit etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern stünde vor einem politischen Umbruch. Es wäre die Niederlage des bisherigen Modells „Alle gegen die AfD“. Ein Dammbruch. Oder, wie viele Kritiker warnen, der Anfang vom Ende der deutschen Demokratie.

Nicht jeder teilt diese apokalyptische Sicht. Peter Nitschke, Präsident des Baugewerbe-Verbandes Sachsen-Anhalt, gehört nicht dazu. In seiner Firma im Harz sagt er offen: „Ich wünsche mir keinen AfD-Ministerpräsidenten. Aber wenn Herr Siegmund regieren sollte, dann muss ich damit leben. Und ich würde deshalb sicher nicht meine Heimat verlassen.“

Mit genau diesem Szenario hatte der scheidende Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) gedroht. Der 71-Jährige, der altersbedingt nicht mehr antritt, stellte im Falle einer AfD-Regierung sogar seine persönliche Konsequenz in Aussicht: Wegzug aus Sachsen-Anhalt.

Noch ist nichts entschieden. Aber eines ist klar: Der 6. September wird mehr sein als ein Wahltag. Er könnte zum Prüfstein werden – für Sachsen-Anhalt, für das Parteiensystem und für die politische Selbstgewissheit der gesamten Republik.

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