
Rom/Brüssel – Giorgia Meloni hat Europa in Bewegung versetzt. Was lange als kalkulierte Balance zwischen Rom und Brüssel galt, kippt nun in eine offene Konfrontation. Mit scharfen Tönen gegenüber der EU-Kommission, demonstrativer Distanz zu deutschen Führungsansprüchen und dem gezielten Schulterschluss mit gleichgesinnten Regierungen schmiedet Italiens Premierministerin eine neue politische Front – und bringt die Machtachsen der EU ins Wanken.
Der Bruch mit Brüssel
Auslöser ist mehr als ein einzelnes Dossier. In Rom wächst der Eindruck, Brüssel regiere an den Interessen der Mitgliedstaaten vorbei – von Haushaltsregeln über Industriepolitik bis zur Migrationsfrage. Meloni inszeniert sich dabei als Anwältin nationaler Souveränität. Sie wirft der EU vor, mit technokratischen Vorgaben wirtschaftliche Spielräume zu ersticken und demokratische Entscheidungen zu relativieren. Die Botschaft ist klar: Italien will nicht länger nur moderieren, sondern Bedingungen stellen.
Die Demütigung von Merz
Besonders brisant ist Melonis Umgang mit Berlin – genauer: mit CDU-Chef Friedrich Merz. Wo Merz auf Ordnung, Disziplin und eine harte Linie pocht, kontert Meloni mit politischer Realität und öffentlicher Distanz. Bei gemeinsamen Auftritten vermeidet sie demonstrativ den Schulterschluss, setzt eigene Akzente und lässt deutsche Mahnungen ins Leere laufen. In Rom wird das als Selbstbehauptung gefeiert, in Berlin als Affront gelesen. Die symbolische Botschaft: Deutschlands Deutungshoheit in Europa ist nicht mehr gesetzt.
Eine neue europäische Achse
Parallel arbeitet Meloni an Allianzen. Mit Regierungen in Mittel- und Osteuropa, mit konservativen Kräften im Süden und mit transatlantischen Partnern sucht sie eine Gegenmacht zur traditionellen Brüsseler Mitte. Migration, Industriepolitik, Energie – überall versucht Rom, Mehrheiten jenseits der alten Koalitionen zu organisieren. Das Ziel: eine EU, die weniger reguliert und mehr schützt – nationale Interessen eingeschlossen.
Risiko oder Zeitenwende?
Kritiker warnen vor Spaltung. Ein offener Konflikt mit Brüssel könne Investitionen gefährden und Italiens Einfluss langfristig schwächen. Befürworter sehen hingegen eine überfällige Korrektur: Europa müsse politischer, nicht bürokratischer werden. Meloni kalkuliert das Risiko – und setzt auf innenpolitische Rückendeckung. Umfragen zeigen, dass der konfrontative Kurs bei vielen Wählerinnen und Wählern verfängt.
Was auf dem Spiel steht
Das „Meloni-Beben“ ist mehr als nationale Politik. Es stellt die Frage, wer Europa künftig führt – und wie. Konsens oder Konfrontation? Technokratie oder Souveränität? Klar ist: Mit Giorgia Meloni ist eine Akteurin auf der Bühne, die bereit ist, Konflikte auszutragen. Brüssel muss reagieren, Berlin sich neu positionieren. Europa steht vor einer Bewährungsprobe – und einer möglichen Neuordnung seiner Machtverhältnisse.