Es sind Momente wie diese, die zeigen, wie angespannt die Stimmung im Hohen Hause tatsächlich ist. Was als routinemäßige Debatte über den Haushalt und die Ukraine-Politik begann, eskalierte binnen Minuten zu einem offenen Schlagabtausch zwischen der AfD-Fraktionsspitze und der Union. Tino Chrupalla, Bundessprecher der Alternative für Deutschland, ließ sich von einer gezielten Intervention der CDU nicht aus dem Konzept bringen – im Gegenteil: Er nutzte die Unterbrechung für eine Generalabrechnung, die noch lange in den Fluren des Reichstags nachhallen dürfte.
Die Atmosphäre im Plenarsaal war bereits aufgeheizt, als Chrupalla ans Rednerpult trat. Sein Thema: Die katastrophale wirtschaftliche Lage Deutschlands und die Rolle der Bundesregierung sowie der Opposition im Ukraine-Konflikt. Mit scharfen Worten geißelte er die Sanktionspolitik, die seiner Meinung nach primär der deutschen Wirtschaft schade, und warnte vor einer Deindustrialisierung, die täglich hunderte Arbeitsplätze vernichte.
Doch der eigentliche Zündstoff lag in seiner Kritik an den Plänen, eingefrorenes russisches Staatsvermögen für den Wiederaufbau der Ukraine zu nutzen. Für Chrupalla ein Dammbruch des Völkerrechts – für die Union offenbar ein Gebot der moralischen Stunde.

Der Versuch der Vorführung
Mitten in Chrupallas Ausführungen meldete sich der CDU-Abgeordnete Alexander Hoffmann zu Wort. Er beantragte eine Zwischenfrage – ein parlamentarisches Instrument, das oft weniger der Informationsgewinnung als vielmehr der strategischen Störung dient. Chrupalla ließ ihn zunächst abblitzen, um seinen Gedanken zu Ende zu führen, sehr zum Unmut der Unionsfraktion. Als er die Frage schließlich zuließ, versuchte Hoffmann, den AfD-Chef in die Zange zu nehmen: Ob er seine Ablehnung der Nutzung russischer Vermögen auch bei seinen Reisen in die USA so deutlich kommuniziert habe oder ob er dort andere Töne anschlage. Der subtile Vorwurf: Opportunismus und mangelnde Souveränität.
„Ich bin hier nicht auf der Anklage!“
Chrupallas Reaktion war augenblicklich und scharf. Er verbat sich den inquisitorischen Tonfall des CDU-Mannes. „Ich bin hier nicht auf der Anklage“, stellte er unter dem Jubel seiner Fraktion klar. Die Strategie, ihn als unsicheren Kantonisten darzustellen, prallte an ihm ab. Stattdessen drehte er den Spieß um und attackierte die inhaltliche Substanz der CDU-Forderung.
Er argumentierte, dass die Enteignung von Staatsvermögen ohne saubere rechtliche Grundlage – so verlockend sie klingen mag – ein gefährlicher Präzedenzfall sei. „Es ist völkerrechtswidrig“, donnerte Chrupalla ins Plenum. Seine Warnung: Wenn diese Garantien platzen oder rechtlich angefochten werden, stehe am Ende wieder nur einer gerade – der deutsche Steuerzahler. Er entlarvte die CDU-Position als „billigen Etikettenschwindel“, der Solidarität verspreche, aber finanzielle Risiken auf die Bevölkerung abwälze.
Generalabrechnung mit Friedrich Merz
Doch Chrupalla beließ es nicht bei der Abwehr des Angriffs aus der zweiten Reihe. Er richtete seinen Fokus direkt auf den Oppositionsführer Friedrich Merz. Mit beißendem Spott erinnerte er an Merz’ Vergangenheit beim Vermögensverwalter Blackrock. „Mit fremdem Geld lässt sich gut wirtschaften“, warf er ihm vor und zog Parallelen zur aktuellen Politik der Union, die bereitwillig Milliardenkredite und Garantien für Kiew fordere, während im eigenen Land die Infrastruktur zerfalle.

Besonders emotional wurde es, als Chrupalla auf das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland zu sprechen kam. Er warf Merz vor, die Sensibilitäten der Ostdeutschen völlig zu ignorieren und mit arroganter Haltung auf deren Friedenswunsch herabzublicken. Die Aussage von Merz, er sei froh, im Westen aufgewachsen zu sein, konterte Chrupalla mit einer sarkastischen Spitze: „Sie hätten uns im Osten gerade noch gefehlt.“ Ein Satz, der saß und die tiefe kulturelle und politische Kluft verdeutlichte, die sich durch das Parlament zieht.
Warnung vor Eskalation und Wehrpflicht
Inhaltlich warnte der AfD-Sprecher eindringlich vor einer weiteren Eskalation des Krieges. Die Diskussionen über Bodentruppen oder eine Wiedereinführung der Wehrpflicht zum Zwecke geopolitischer Konflikte lehnte er kategorisch ab. „Wir vertrauen Ihnen unsere Kinder nicht an“, rief er in Richtung der Unionsbank – ein Satz von enormer emotionaler Tragweite, der auf die Urängste vieler Eltern abzielt.
Er stellte die AfD als die einzige Kraft dar, die sich konsequent für Diplomatie und gegen eine Hineinziehen Deutschlands in den Krieg stelle. Die Union hingegen, so sein Vorwurf, agiere als verlängerter Arm US-amerikanischer Interessen und habe die Sicherheitsarchitektur Europas aus dem Blick verloren.

Fazit: Ein Parlament im Wahlkampfmodus
Dieser Auftritt hat gezeigt: Der Wahlkampf hat längst begonnen, und er wird mit härtesten Bandagen geführt. Die CDU versucht, die AfD als außenpolitisch isoliert und unpatriotisch darzustellen. Die AfD wiederum inszeniert sich als Anwalt des Völkerrechts und Beschützer des deutschen Wohlstands gegen eine abgehobene Elite, die bereitwillig Risiken eingeht.
Tino Chrupallas Weigerung, sich von der CDU „verhören“ zu lassen, und sein aggressiver Gegenangriff markieren eine neue Stufe der Auseinandersetzung. Er hat an diesem Tag deutlich gemacht, dass er nicht gewillt ist, die Rolle des stillen Zuhörers zu spielen. Für Friedrich Merz und die Union ist das eine Warnung: Die Strategie, die AfD im Parlament bloßzustellen, birgt Risiken – vor allem, wenn der Gegner rhetorisch so zurückschlägt wie an diesem Tag im Bundestag. Die Debatte um Krieg, Frieden und unser Geld ist noch lange nicht vorbei.