Es ist eine Abrechnung, die sich gewaschen hat. Wer dachte, Dieter Bohlen (69) sei nur für fiese Sprüche bei DSDS und charttaugliche Ohrwürmer gut, der wurde zum Jahreswechsel eines Besseren belehrt. In einem hochemotionalen Interview, das derzeit das Netz flutet, zeigt sich der Poptitan von einer Seite, die Deutschland so noch nicht kannte: politisch, wütend und zutiefst besorgt. Sein Ziel: Die etablierte Politik, allen voran CDU-Chef Friedrich Merz und die viel beschworene „Brandmauer“. Doch am meisten bewegt sein Schwur als Vater.
Bohlen, der Mann, der normalerweise über Töne und Talente urteilt, fällt ein vernichtendes Urteil über den Zustand der Bundesrepublik. Im Gespräch, das offenbar auf einer Bühne vor Publikum stattfand (moderiert von Jürgen Höller), redet er sich in Rage. Es ist keine vorbereitete Rede, es ist ein Ausbruch aus dem Bauch heraus – und genau deshalb trifft er den Nerv von Millionen.
Die Brandmauer: „Völlig bescheuert“
Das erste Tabu, das Bohlen bricht, betrifft den Umgang mit der AfD. Während im politischen Berlin die Ausgrenzung Staatsräson ist, nennt Bohlen die „Brandmauer“ schlicht „völlig bescheuert“. Seine Logik ist so simpel wie bestchend: „Wenn 25 Prozent, also jeder vierte Wähler, eine Partei wählt, dann muss man sich doch mit dieser Partei auseinandersetzen.“

Er vergleicht die Taktik der etablierten Parteien mit Kindererziehung: „Wenn du einem Kind sagst, den Porno darfst du nicht gucken – wo ist der? Das macht die doch nur noch interessanter!“ Bohlen plädiert nicht für die Inhalte der AfD („Ich bin kein Fan der AfD“), aber er plädiert für Demokratie und Diskurs. „Man muss doch mal gucken, warum werden die gewählt?“, fragt er und spricht damit aus, was viele Bürger als Arroganz der Macht empfinden. Den Versuch, die Partei zu verbieten oder totzuschweigen, hält er für einen strategischen Fehler, der das Gegenteil bewirkt.
Frontalangriff auf Friedrich Merz
Doch wer glaubt, Bohlen schieße nur gegen Links-Grün, der irrt. Sein eigentlicher Gegner in diesem Interview scheint Friedrich Merz zu sein. Der CDU-Vorsitzende, der sich gerne als Wirtschaftskompetenz in Person darstellt, kommt bei Bohlen gar nicht gut weg. Der Grund: Die Angst ums Geld.
Bohlen, der aus seinem Reichtum nie einen Hehl gemacht hat („Geld ist eine Diva, die geht nur zu dem, der es liebt“), wittert Gefahr für die Ersparnisse der Deutschen. Er bezieht sich auf Aussagen, wonach auf deutschen Sparkonten Billionen liegen würden. „Da können wir doch mal vielleicht 10 Prozent von haben“, fasst er seine Befürchtung über Merz’ Pläne zusammen. Für Bohlen ist das ein rotes Tuch. „Warum wollen die den Leuten jetzt auch noch ans Sparkonto?“, fragt er entsetzt.
Er droht sogar offen mit Konsequenzen: „Wenn die mir jetzt noch mehr auf den Sack gehen, dann denke ich darüber nach, dann bin ich auch weg.“ Ein Satz, der aufhorchen lässt. Wenn selbst Patrioten wie Bohlen („Ich liebe Deutschland, das Land ist geil“) über Auswanderung nachdenken, wie steht es dann um den Rest der Leistungsträger?

„Planieren statt Sanieren“: Der wirtschaftliche Niedergang
Bohlen zeichnet das Bild eines Landes, das seine Besten vergrault. „Letztes Jahr sind 280.000 Leute abgehauen, Fachkräfte, alles gute Leute“, rechnet er vor. Gleichzeitig kritisiert er die Einwanderungspolitik scharf: „Die holen irgendwie keine Guten rein und schmeißen die Guten raus. Was ist das für ein Geschäftsmodell?“
Für den erfolgreichen Produzenten ist die aktuelle Regierung keine Führung, sondern eine „Blockierung“. Das Zusammenspiel von CDU und SPD sieht er als Katastrophe. „Die löschen sich doch gegenseitig aus“, so seine Prognose für eine mögliche Große Koalition. Sein Fazit über die politische Elite ist vernichtend: „Die Leute, die keine Ahnung haben, haben keine Ahnung davon, dass sie keine Ahnung haben.“
Der emotionalste Moment: Angst um den Sohn
Doch der Moment, in dem das Publikum im Saal den Atem anhält, ist nicht wirtschaftlicher Natur. Es geht um Krieg und Frieden. Angesprochen auf die rhetorische Aufrüstung und Begriffe wie „Kriegstüchtigkeit“, bricht es aus Bohlen heraus. Er denkt an seinen 13-jährigen Sohn.
„Wenn ich mir wirklich vorstelle, der soll vielleicht in fünf Jahren in irgendeinen Krieg ziehen… Ich bin absoluter Pazifist“, sagt er mit belegter Stimme. „Ich möchte eigentlich wirklich, dass kein Mensch auf diesem Planeten stirbt.“ Dann folgt der Schwur, der wohl den Kern seiner Wut trifft: „Mein Sohn geht in keinen Krieg, da schwör ich dir!“
Es ist die Urangst eines Vaters, die hier spricht. In einer Zeit, in der wieder über Wehrpflicht und Kriegseinsätze diskutiert wird, stellt sich Bohlen quer. Er will sein Land verteidigt wissen, ja, aber er will nicht, dass sein Kind für geopolitische Spiele geopfert wird.

Ein Weckruf zur rechten Zeit?
Dieter Bohlens Interview ist mehr als nur Promi-Gerede. Es ist ein Seismograph für die Stimmung im Land. Wenn ein Mann, der für Unterhaltung und Leichtigkeit steht, so düster in die Zukunft blickt, dann brennt die Hütte. Bohlen spricht die Sprache derer, die sich von „Dahinten in Berlin“ nicht mehr vertreten fühlen. Er spricht für die Sparer, für die Eltern, für die, die einfach nur in Frieden und Wohlstand leben wollen.
Ob Friedrich Merz und die Ampel-Regierung diesen Weckruf hören werden? Zweifelhaft. Aber Bohlen hat ausgesprochen, was am Stammtisch, in der Kantine und im Familienchat längst Thema ist. Die „Abrechnung zu Neujahr“ könnte der Soundtrack für ein politisch heißes Jahr 2026 werden. Und Dieter Bohlen hat bewiesen: Er kann nicht nur Hits produzieren, er kann auch Tacheles reden.