October 2, 2026

Krone-Schmalz und die Istanbul-Verhandlungen: Was über den angeblich verpassten Frieden tatsächlich bekannt ist

Die Diskussion über die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im Frühjahr 2022 ist erneut in den Mittelpunkt gerückt. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie weit die Gespräche in Istanbul tatsächlich gediehen waren und ob damals eine realistische Möglichkeit für ein Ende des Krieges bestand.

Die Publizistin und frühere ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz vertritt seit Jahren die Auffassung, dass die diplomatischen Möglichkeiten unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion stärker hätten genutzt werden müssen. In einem aktuellen Interview erklärte sie erneut, sie halte es für einen Fehler, die damaligen Gespräche ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Sieg und Niederlage zu betrachten.

Was geschah 2022 in Istanbul?

Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 begannen intensive diplomatische Kontakte zwischen den beiden Seiten. Zunächst fanden Gespräche unter anderem in Belarus statt, später wurde Istanbul zu einem wichtigen Ort der Verhandlungen.

Bis Ende März 2022 entstand das sogenannte Istanbul-Kommuniqué. Darin wurden mögliche Grundzüge einer späteren Vereinbarung beschrieben. Anschließend arbeiteten russische und ukrainische Unterhändler an weiteren Entwürfen.

Untersuchungen der damaligen Dokumente zeigen, dass es tatsächlich erhebliche Verhandlungen über zentrale Fragen gab. Dazu gehörten unter anderem die Sicherheitsordnung der Ukraine, deren möglicher neutraler Status, militärische Fragen sowie die umstrittenen territorialen Gebiete. Ein endgültiger Friedensvertrag wurde jedoch nicht unterzeichnet.

War der Frieden bereits vereinbart?

Genau an diesem Punkt gehen die Darstellungen auseinander.

Befürworter der These eines „verpassten Friedens“ verweisen auf die weitreichenden Entwürfe, die während der Gespräche diskutiert wurden. Krone-Schmalz argumentiert, dass eine mögliche Vereinbarung wenige Wochen nach Beginn des Krieges für die Ukraine territorial günstiger hätte ausfallen können als spätere Szenarien. Sie betont zugleich, dass sie als deutsche Journalistin nicht darüber entscheiden wolle, welche Gebiete die Ukraine für einen Frieden aufgeben sollte.

Andere Untersuchungen kommen zu einer vorsichtigeren Einschätzung. Demnach gab es zwar erhebliche Annäherungen bei einzelnen Punkten, aber weiterhin fundamentale Differenzen. Fragen wie Sicherheitsgarantien, territoriale Ansprüche und die konkrete Umsetzung einer Vereinbarung waren nicht abschließend gelöst. Deshalb lässt sich aus den Entwürfen nicht eindeutig ableiten, dass ein fertiger Friedensvertrag unmittelbar vor der Unterzeichnung stand.

Welche Rolle spielte der Westen?

Besonders umstritten ist die Behauptung, westliche Regierungen hätten die Ukraine daran gehindert, einen bereits ausgehandelten Frieden zu unterzeichnen.

Diese Darstellung wird von verschiedenen Quellen zurückgewiesen. Die EUvsDisinfo-Datenbank bezeichnet die Behauptung, London habe Kiew dazu gebracht, die Istanbul-Verhandlungen abzubrechen, als eine wiederkehrende Desinformation. Dort wird unter Berufung auf Aussagen beteiligter ukrainischer Vertreter darauf hingewiesen, dass die Ukraine ihre eigene Entscheidung über die Fortsetzung der Verhandlungen getroffen habe und westliche Partner zwar beraten hätten, aber nicht anstelle der ukrainischen Regierung entschieden hätten.

Damit bleibt die Frage nach dem genauen Einfluss westlicher Regierungen Gegenstand politischer und historischer Debatten. Die vorhandenen Quellen stützen jedoch nicht die vereinfachte Aussage, dass ein vollständig ausgehandelter Friedensvertrag lediglich aufgrund einer einzelnen Intervention aus London nicht unterzeichnet worden sei.

Krone-Schmalz fordert eine andere Perspektive

Krone-Schmalz kritisiert insbesondere die Vorstellung, dass ein Krieg ausschließlich mit einem eindeutigen Sieger und Verlierer beendet werden könne.

In ihrem Interview argumentiert sie, dass die historischen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine äußerst komplex seien und diplomatische Lösungen deshalb besondere Sensibilität erforderten. Sie verweist außerdem auf die menschlichen Kosten des lang andauernden Krieges und vertritt die Auffassung, dass ein früheres Verhandlungsfenster möglicherweise bessere Bedingungen für die Ukraine eröffnet hätte.

Ihre Position ist allerdings politisch umstritten. Kritiker ihrer Analyse werfen ihr vor, russische Sicherheitsargumente zu stark zu berücksichtigen und die Verantwortung Russlands für den Angriff nicht ausreichend in den Mittelpunkt zu stellen. Krone-Schmalz selbst weist solche Einordnungen zurück und betont, dass eine Analyse von Verhandlungen nicht mit einer Rechtfertigung des russischen Angriffskrieges gleichzusetzen sei.

Warum die Istanbul-Verhandlungen heute wieder diskutiert werden

Das Thema hat inzwischen auch deshalb neue Bedeutung, weil Istanbul weiterhin als möglicher Ort für Gespräche zwischen Russland und der Ukraine eine Rolle spielt.

Im Jahr 2026 erklärte der russische Präsident Wladimir Putin erneut, Russland sei grundsätzlich bereit, Gespräche auf Grundlage früherer Istanbul-Vereinbarungen und weiterer Verhandlungsergebnisse fortzuführen. Russische Vertreter stellen dabei allerdings insbesondere territoriale Fragen und Sicherheitsforderungen in den Mittelpunkt.

Die heutigen Gespräche sind jedoch nicht mit der Situation im Frühjahr 2022 gleichzusetzen. Die militärische Lage, die territorialen Realitäten und die politischen Positionen der beteiligten Staaten haben sich seitdem erheblich verändert.

Was lässt sich abschließend belegen?

Belegt ist, dass Russland und die Ukraine 2022 intensiv miteinander verhandelten und dass in Istanbul konkrete Entwürfe für eine mögliche Friedensregelung diskutiert wurden.

Nicht belegt ist dagegen die vereinfachte Darstellung, dass beide Seiten bereits einen vollständigen Friedensvertrag abgeschlossen hätten und dieser anschließend ausschließlich durch eine westliche Intervention verhindert worden sei.

Die damaligen Dokumente zeigen vielmehr einen komplizierten Verhandlungsprozess mit Fortschritten bei einigen Fragen, gleichzeitig aber erheblichen offenen Punkten. Wie nah die beiden Seiten tatsächlich an einer endgültigen Vereinbarung waren, bleibt deshalb eine Frage, bei der Historiker, Diplomaten und beteiligte Politiker unterschiedliche Einschätzungen vertreten.

Die Debatte über Istanbul bleibt damit ein wichtiger Bestandteil der Diskussion über die diplomatischen Möglichkeiten des Jahres 2022 – sollte aber zwischen nachweisbaren Verhandlungsergebnissen, späteren politischen Interpretationen und unbelegten Behauptungen unterscheiden.

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